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Die vorindustrielle Revolution - Geburtstunde des Modeschmuck

Die prunkende Eleganz lebte mit Ludwig XVI. weiter. Unübertroffene Pracht und extravaganter Luxus standen bis 1780 im Vordergrund. Es begann sich aber auch eine neue Gesellschaft herauszubilden. Das industrielle Zeitalter schlich mit James Watts Dampfmaschine 1769 heran, womit sich allmählich eine Mittelklasse herausbildete. Der Schmuck wurde zunehmend von einer breiteren Bevölkerungsschicht begehrt. Daneben konnten Gesellschaften und Bälle aller Art infolge besserer Lichtverhältnisse durch effiziente Wachskerzen gefeiert werden. Der Ansturm auf Diamantenschmuck, der bei Kerzenlicht besonders brillierte, war weiterhin sehr groß, aber auch Farbe gewann zunehmend an Bedeutung. Man differenzierte erstmalig zwischen Tages- und Abendschmuck. Die ab ca. 1775 aufkommenden handkolorierten Frauenzeitschriften, trugen dazu bei, daß die neusten Moden rasch verbreitet wurden.

Strass - "Diamanten" aus Glas: In dieser Zeit eroberte Georges Frèdèric Strass mit seinen gleichnamigen Strass-Diamanten 1730 Paris und eröffnete damit die große Epoche des Modeschmucks. Er hatte mit seinen Kompositionen aus dem höchstwahrscheinlich von Ravenscroft zuvor entwickelten Glasschmelz mit Römischen sowie Venezianischen Perlen (aus Muranoglas) sofort einen riesigen Erfolg und erhielt 1734 den Titel "Juwelier des Königs." Ganze Königshäuser besaßen mehrteilige Schmuckgarnituren (parure) aus Strass.

Die an der Unterseite folierten Simili (Steinersatz) glichen für Laien im Glanz und in der Farbstreuung den Diamanten, ohne aber deren Härte zu besitzen. Steine aus Glasfluß konnte man schaffen, wie man wollte. Lediglich die modernen, feinen Fassungen erforderten besonderes Geschick, damit das Glas nicht beschädigt wurde. Die Schmuckstücke wurden mit oder ohne Perlen in Silber und Gold gefasst, manchmal auch nach alter Tradition mit wunderschönen Folien unterlegt oder gefärbt. Im Laden präsentierte man das neue Produkt direkt neben dem Echtschmuck, so daß jeder zwischen echten und unechten Steinen wählen konnte. Für den Laien war ein Unterschied nicht immer zu erkennen. Diese Art von Präsentation war Teil seines brillanten Marketings. 1767 gab es zum Ärger der Juweliere dreihundert Firmen, die Imitationsschmuck herstellten. Es entwickelte sich eine eigenständig geachtete Kunstform. Natürlich müsste Strass aus heutiger Sicht zugeben, daß die schon angesprochenen äußeren Rahmenbedingungen für den Vertrieb von Steinnachahmungen mehr als günstig waren.

Strass kopierte die modernen Edelsteinobjekte. Die Steine standen dabei im Mittelpunkt der stilisierten Naturdarstellungen, die sich besonders durch Leichtigkeit auszeichneten: Zart umschwungene Stengel und zierliches Blattwerk. In den Läden fanden sich daneben hervorragend kopierte Schmuckstücke wie Schuhschnallen und Schmuckknöpfe mit reichem Glasbesatz oder Miniaturmalereien, girlandenartig angeordnete Perlenschnüre für den Hals, Ohrgehänge, Aigretten, Schmucksträußchen aus Strass mit besonders leichter Fassung und Ringe mit einer Vorliebe für sentimentale Darstellungen, Buchstabenrätsel oder Portraits.

Das wichtigste Accessoire in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts war eine an der Taille hängende Schmuckkette mit Uhr (chatelaine). Es wurden mehrere Ketten aus Gliedern oder Plättchen vereinigt, um viel Raum für zahlreiche farbenfrohe Steine und Darstellungen wie schnäbelnde Tauben und mythologische Landschaften zu schaffen. Das Goldblech der Schmuckuhren war vergleichbar mit den Edelsteinen auf der Liste der austauschbaren Materialen.

Pinchbeck - "Gold" aus Kupfer und Zink: Christopher Pinchbeck entwickelte einen Ersatz für Gold, bestehend aus einer Legierung aus Kupfer und Zink. Diese auch als Tombal, Talmi oder Pinchbeck bezeichnete Nachahmung war günstig in der Anschaffung und leicht zu verarbeiten. Die populären Schuhschnallen und Uhrgehäuse wurden fortan daraus hergestellt. Das Material wies sogar bessere Trageeigenschaften als Gold auf. Uhren, Kästchen, Scheren und ähnliches fanden sich an den Schmuckkettchen, alle aus unedlen Metallen und unechten Steinen gefertigt. Der erste Weg zur Massenproduktion wurde durch die Herstellung dieser Objekte aus Gußteilen bereitet. Man versuchte oft, diese Nachahmung für Gold zu kopieren.

Facettierter Stahl - teurer als Echtschmuck: Aber damit nicht genug. Das Jahrhundert brachte eine dritte Neuerung. Stifte aus weichem Stahl wurden facettiert und auf polierte Stahlplatten nebeneinander genietet. Der Stahl sollte ursprünglich Markasit (Eisenpyrit) und Diamanten imitieren und ersetzte fortan Edelmetall und Edelstein gleichermaßen. Besonders die Objekte aus Woodstock in Oxfordshire waren im ausgehenden 18. Jahrhundert sehr begehrt und sogar teurer als vergleichbarer Echtschmuck. Bis 1800 wuchs die Stahlschmiede zu einer eigenständigen Gattung auf einem sehr hohen künstlerischem Niveau. Gürtelketten, Armbänder, Halsketten, Ohrringe und Broschen, die Schaufenster zeigten alles aus poliertem Stahl. Das angesprochene Eisenpyrit wurde ebenfalls aufwendig geschliffen, poliert und gefasst. Es war zuvor beliebt als Simili. Nun erhielt das dunkelgelb funkelnde Pyrit auf Ringen und Uhren ebenfalls seine Eigenständigkeit.


Autor©: Dipl.-Geg. Karl Frohnes, Göttingen 2005

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