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Klassizismus bis Historismus

Die gewaltigen politischen Umwälzungen (Revolutionen, Napoleonische Kriege, Victoriansche Ära), der harte industrielle Wettkampf und das Freiwerden des Welthandels bestimmten die Stilrichtungen des Schmucks im 19. Jahrhundert. Viele Modeeinflüsse blieben aufgrund der schlechten wirtschaftlichen und sozialen Verhältnisse ohne große Wirkung. Trotz bedeutender regionaler Unterschiede und uneinheitlicher Abläufe lassen sich einige übernationale Gemeinsamkeiten feststellen.

Rückbesinnung auf antike Formen: Angefangen mit den Ausgrabungen von Pompeji 1748 setzte schon im 18. Jahrhundert eine Rückbesinnung auf die klassische Kunst ein (Ludwig VI. und Zopfstil). "Alles in Paris ist griechisch... ." Diese Aussage von einem Freund Diderots, Baron Grimm, beschreibt 1763 die Richtung, in die sich Schmuck und Mode am Anfang des 19. Jahrhunderts entwickeln sollte (Empire). Es setzten sich seit langem wieder Geschmack und Bedürfnisse des Bürgertums durch. Baron Grimm schreibt weiter: "Unsere Damen sind griechisch frisiert ... hat man wieder auf die antiken Ornamente und Formen zurückgegriffen ... ." Elegante Frauen trugen im Haar neben dem Diadem noch einen Kamm und Nadeln. Halsketten bestanden aus verzierten Kameen. Die Parure (franz. Bezeichnung für Schmuckgarnitur) behielt ihre Bedeutung. Sie bestand aus einem Diadem, einer Halskette, Armbändern, einer Brosche und Ohrgehängen mit scheibenförmigen Zierelementen oder Reifen mit Filigran. Sogar Schlangenarmbänder steckten am Oberarm. Die diamantenbestückte Tiara kam wieder in die Ballsäle und Krönungshallen. Edelsteine, Perlen und die typischen Gemmen und Kameen wiesen eine große Vielfalt auf. Um die große Nachfrage zu stillen, wurden in Deutschland mittels Porzellan und Glas Steinkameen in hervorragender Qualität imitiert. Für die Aristokratie Napoleons und die reiche Oberschicht lebte der Prunk für Repräsentationszwecke weiter. Die Juwelierkunst erlebte somit einen ungeheuren Aufschwung. Während dieser Zeit machte die Berliner Gußeisenfabrik von sich Reden. Was ursprünglich in Gleiwitz in Schlesien als Nebenerwerb begann, erlebte mit feingearbeiteten, mattschwarzen Schmuckstücken eine Blütezeit. Der Höhepunkt wurde im Freiheitskrieg 1813 erreicht, als deutsche Patrioten ihre kostbaren Juwelen spendeten und im Gegenzug dunkle Kameen und Medaillen erhielten.

Verzicht auf Schmuck im Biedermeier: Auf die Kriege erfolgte mit der Rückkehr des alten Absolutismus eine Zeit der Ruhe und Erschöpfung. Man zog sich in die gemütliche Häuslichkeit zurück. Es brach die Epoche der Restauration beziehungsweise die Biedermeierzeit an. In dieser nüchternen Zeit war es Mode, überhaupt keinen Schmuck zu tragen. "So hatte sie nicht mehr Schmuck bei sich, als es die Mode für unerlässlich hielt", beschrieb ein zeitgenössisches Modejournal. Die Betonung der Taille forderte Gürtelschließen, die aus zahlreichen Stoffen und in allen Formen angeboten wurden. Amethyste, Topase, Aquamarine und Türkise wurden oft verarbeitet und kostbare Steine durch englische und französische Simili ersetzt. Naturalistische Motive wie Juwelensträußchen mit grün emaillierten Blättern und Stengeln fing man in den Schmuckstücken ein.

Der weiterhin begehrte Stahlschmuck wurde ab 1830 größtenteils maschinell gefertigt. Die Einheitsnieten wurden ausgestanzt und nicht mehr einzeln geschliffen. Sie zeigten lediglich fünf Facetten. Fast alle Arten von Stahlschmuck waren insbesondere in Frankreich sehr beliebt. Hervorzuheben sind die Ketten und Armbänder aus gewebtem Stahldraht, der seidige, geschmeidige Bänder bildete. Breite Drahtarmbänder wurden reich mit Münzen, Schmetterlingen oder Blüten verziert. In England verlegten Teile des stahlverarbeitenden Gewerbes ihr Warenangebot auf reich verzierte Schuhschnallen und Gürtelketten. Auch hier fanden sich zahlreiche Motive aus der Natur: Blüten und Schmetterlinge an Armbändern, Ohrringen und Broschen. Die goldkopierende Industrie profitierte ebenfalls von den schwachen wirtschaftlichen Verhältnissen. Pinchbeck erlebte mit seinen feinen Arbeiten einen Höhepunkt. Dieser Modeschmuck war sehr gefragt, aber auch teuer.

Die Romantik - Glorifizierung der Burgfräulein und Rittern: Mit der nachfolgenden Glorifizierung des Mittelalters und der Vorliebe an Figuren wie schmachtende Burgfräulein und edle Ritter hielt die Romantik Einzug in die Geschmeidekunst. Ein ausgeprägter Freundschaftskult und eine Neigung zur Empfindsamkeit machten sich breit. Die Farben wurden wieder modern. Kopierte Halbedelsteine fanden sich reich auf naturalistischen Motiven wie Weinranken, Trauben, Blumen, Käfer und Vögelchen. Als charakteristisches Schmuckstück darf ein Stein in goldener Herz- oder Perlenfassung in Tropfenform gelten. Die Fassung wurde an eine Gold-, Perlenkette oder an ein Samtband gehängt und um den Kopf gelegt (ferronière). Die zierliche Einfachheit zeigten auch Zierkämme, Haarnadeln und Haarpfeile.

Während Strass, unterschiedliche Goldnachahmungen und polierter Stahl die Entwicklungen begleiteten, wetteiferten die Hersteller miteinander um neue Ideen. Sie suchten nach neuen Werkstoffen und Techniken und stellten viel Schmuck her. Die maschinelle Herstellung drängte immer mehr in den Vordergrund. Dabei konnten Präge- und Pressverfahren deutlich verbessert werden. Man stanzte seit 1850 Unmengen an Schmuckstücken in kürzester Zeit aus. Elkington und Wright verfeinerten die Galvanotechnik, die alle Unterschiede zwischen Goldfilm und echtem Goldblech verwischte. Mit der Elfenbeinmode kamen elfenbeinartiges Parian (Kiesel-, Tonerde, Natron u. Kalk) und später Elfenbeinporzellan auf. Die Franzosen verfeinerten und perfektionierten die Perlenherstellung. Nach 1834 war mit Einführung des Opalglases keine Wachsummantelung mehr nötig. Stolz trug die Kaiserin Eugénie dreiundsiebzig Opalglasperlen zur Schau. Die Perlenketten bestanden später auch aus Korallen und Jett. Dem Mittelstand kam das alles sehr entgegen. Es ging den Schneidern und Druckern zunehmend besser, so daß auch sie zeitgenössische Schmuckstücke erwerben konnten. Die Modeerscheinungen entnahmen sie von nun ab den Musterbüchern und Illustrierten oder sie holten sich Anregungen aus dem Museum.

Vikrorianische Brosche Antike Moden durch Archäologie-Boom: Das kaum zu durchblickende Nebeneinander und Nacheinander von Stilarten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Gemisch von Stilarten im Historismus) fällt in die Zeit des Historismus, des 2. Empire, und schließt mit dem Ende der Gründerzeit 1880 ab. Der Zeitgeist orientierte sich nach einigen neuen archäologischen Entdeckungen an den Goldschmiedearbeiten alter Kulturen wie der Etrusker, der Römer und der Griechen (Italien). Mit der aufkommenden Reiselust holten sich wohlhabende Bürger zudem Anregungen aus den Stätten des Altertums. Die Goldschmiedekunst entdeckte dabei die Granulationstechnik erneut. Frankreich bediente sich daneben den Vorbildern der Renaissance (Kaiserin Eugénie) und England zeigte ein Gemisch von Stilarten (Pariser Weltausstellung 1878). Das Schmuckinteresse galt besonders dem großen Einzelstein, der Perfektion des Schliffs und natürlich dem kostbaren Diamanten. Auch Gold wurde zu einem wichtigen Element im Schmuckdesign. Große glatte Flächen begünstigten den Gebrauch von leuchtenden Basismetallen (Abessinisches Gold). Am Ohr fanden sich Perlen- und Diamanttropfen. Für diese Epochen waren die Brosche, teils mit Kette und Uhrkette die Schmuckstücke. Zum ersten Mal begegnet uns die Krawattennadel. Sie brachte die sportlichen Vorlieben des Trägers zum Ausdruck. Die moderne Frau trieb Sport und zeigte nicht nur gegen Ende des 19. Jahrhunderts mit ihrer Brosche die Vorlieben mittels Motiven wie Golfschläger, Steigbügel und Reitpeitschen. Eine kurze Zeit liebte man Haarschmuck. Barbiere und Perückenmacher flochten dicke Armbänder, Broschen und Ohrringe oder verarbeiteten aus Haaren offene Netze. Der glatte und schmucklose Ehering wurde eingeführt. Der Momento-Mori-Schmuck kam immer wieder insbesondere im gehobenen Bürgertum auf. Mittlerweile verwendete man hauptsächlich das weiche, glänzende Holzfossil Jett (Gagat). Nach dem Tod des Prinzgemahls Albert 1861 beherrschte dieser schwarze Trauerschmuck die englische Mode, da das Tragen von anderem Schmuck untersagt war. Jett bildete somit einen großen Industriezweig. Die Kompositionen waren Halsketten aus Jettperlen, Ohrringe mit runden Jettanhängern, gravierte Fingerringe und ovale bis herzförmige Medaillons beziehungsweise Anhänger mit Blütendekor. Als Ersatz diente schwarzes Glas, Mooreiche, Schildpatt und schwarzes Email. 1887 gestattete die Königin Victoria wieder das Tragen von hellerem Schmuck.

Von der Sonntagstracht zum City-Symbol: Nordamerikanischer Schmuck war nach Aussagen eines Katalogs geprägt von europäischen, südamerikanischen, asiatischen, vorderasiatischen Einflüssen, etc. , was noch geringer zu einheitlichen Formen führte, als in Europa schon gezeigt wurde. Billiges und unbekanntes Steinmaterial schuf in Verbindung mit Holz bunte Kompositionen (Tiffany). Eine Vielfalt in Form und Dekor zeigte sich ebenfalls außerhalb der europäischen Städte, auf dem Lande. Bezeichnend für den volkstümlichen Schmuck war hier die Funktion der Objekte, z.B. das Zusammenhalten von Jacke und Hemd (z.B. Stader Hemdspange). Bei feierlichen Anlässen und Kirchgängen präsentierte man gerne seine Sonntagstracht mit drei- bis siebenreihigen Halsketten aus Silberperlen (Altes Land). Ärmere Regionen bevorzugten billiges Blechzierat (Geestgebiete). Die Städter übernahmen diese Schmuckobjekte oftmals ohne deren Funktion (nordfriesische Brustkette).

Insgesamt betrachtet entwickelte der Modeschmuck jetzt seine eigene Individualität. Flüchtige Moden kamen in immer kürzeren Abständen und gingen ebenso rasch. Die Modeschmuckindustrie reagierte augenblicklich mit neuartigem Schmuck aus einfachen Materialen, die oftmals alles andere als "unecht" sind (Jett, Koralle). Täuschend ähnliche Imitate von Echtschmuck waren daneben wie Jahrhunderte zuvor sehr beliebt. Neu war zudem der dritte Zweig, die Massenproduktionen von z.B. billigen Blechbroschen aus dünnem Blech.

Die Akzeptanz von Modeschmuck in den Juwelierläden, in allen Teilen der Gesellschaft und die Innovationen des 18. und 19. Jahrhunderts ebneten den neuen und künftigen Bijouterien den Weg zur Entfaltung des Fantasie- und Designerschmucks. Kunststoff (seit 1855), Gummi (seit 1826) und Aluminium (seit 1827) sollten das Spektrum der Materialien erweitern.


Autor©: Dipl.-Geg. Karl Frohnes, Göttingen 2005

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