|
Schmuck im Art nouveau & Art-déco
Immer mehr Menschen verlangten aufpolierte Imitate vergangener Epochen auf Kosten der Kunstfertigkeit. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden Stimmen laut, die das Handwerk wiederbeleben und neue Formen schaffen wollten (Arts and Crafts Movement, England). Es mussten wieder Formen und Farben in die Kunst. Arthur Mackmurdo präsentierte 1883 einen floralen Stil, der die Ornamentik des Jugendstils vorwegnahm. Es begann die Periode des Naturalismus, die ihren Namen von Siegfried Bings Geschäft in Paris erhielt: Art nouveau (Jugendstil).
Jugendstil - Schmuck in handwerklicher Perfektion: Die dekorative Wirkung, die künstlerische Gestaltung und damit die handwerkliche Perfektion standen anstelle des materiellen Werts im Mittelpunkt. Die Goldschmiede wählten Glas, Email, Bernstein, Perlmutt, Opal, Horn, Elfenbein, Bronze, Stahl und Kupfer für ihre Arbeiten. Zellen und Grubenemail wurden wiederentdeckt. Die Designer hoben mit ihren kleinen Kunstwerken die Grenze zwischen Echtschmuck und Fantasieschmuck endgültig auf. Die Linienzüge wurden weich, schlicht und bildeten geschmeidige Formen in einem harmonischen Gesamteindruck. Die Motive entstammten der Natur: Tiere, vor allem Insekten, Schlangen und fantastische Meerwesen, Pflanzen wie Disteln und Lilien, angeregt durch den Japanoismus, surrealistische Mischformen aus Mensch und Tier und Mädchendarstellungen. Die Vorreiter René Lalique, Georges Fourquet und Henri Vever schufen die fantasievollsten und schönsten Objekte überhaupt. Charakteristische Schmuckstücke sind die Libelle aus Gold, Elfenbein, Chrysopras und Fensteremail in den Flügeln (Lalique) und eine Frauendarstellung in Elfenbein, von Goldblättern umhüllt mit Barockperle und Brillanten am Blätterrahmen (Hugo Schaper, Berlin).
Der Modeschmuck erlebte mit dem neuen Kult um die Femme Fatale einen zusätzlichen Aufschwung, den die Schauspielerinnen und die Revuetänzerinnen einleiteten. Die Berühmtheiten waren mit reichhaltigem Bühnen- und Abendschmuck ausgestattet und waren Thema jedes Gesprächs, jeder Illustrierten. Lalique entwarf Objekte für Bühnenrollen (Sarah Bernhardt). Zudem dekorierten Maler plötzlich Möbel. Toulouse Lautrec und Alphonse Mucha zeichneten Plakate, so daß Poster-Shops wie Pilze aus dem Boden schossen.
Glitzerwelt aus Diamant, Strass und "Tiroler Steinen": Parallel dazu trug man in der neuen Epoche des glasbesetzten Schmucks Diamanten auf zierlichen Platinunterlagen, was durch das elektrische Licht bei Theateraufführungen und später ab 1926 durch den Abbau der südafrikanischen Lagerstätten forciert wurde. Die Strassschmuckhersteller Napier, Trifari, Coro und Eisenberg profitierten sehr von dieser Richtung auf dem amerikanischen Markt. Langfristige Bedeutung hatten auch Brillantohrringe, lange Halsketten, lange Ohrgehänge, erstmalig auch mit Klemmechanismus, Uhrketten, Sportschmuck, Krawattennadeln und zierliche Ringe in der heutigen Form.
Daniel Swarovski wurde mit seinen hochwertig geschliffenen Tiroler Steinen berühmt. Daneben produzierten böhmische Glasflußhersteller Simili für den Besatz von weißbeschichtetem Metall oder Platinin (articles de bohème). Die Schmuckproduktion erfuhr einen enormen Aufschwung, insbesondere die mittlere und billige Ware. Die Designer, erstmalig auch aus anderen Bereichen, waren sehr von den Launen der Käufer abhängig.
Art-déco - nüchterne Sachlichkeit & klare Formen: Mit und nach dem ersten Weltkrieg begann die Zeit der Wolkenkratzer und der Passagierdampfer. Die etablierten Staatsformen wandelten sich und die Gesellschaft wich von den alten Werten ab. Die Frau der zwanziger Jahre war emanzipiert und aufgeklärt. Die Fantasie- und Imitationsschmuckindustrie saß nun in den Startlöchern und wartete auf neue Impulse. Das Schmuckdesign setzte mit einer kühlen Ästhetik und verwegenen Extravaganz in den 1920er und 1930er Jahren ein nicht dagewesenes Kontrastprogramm zu den bekannten Stilen. Kühle Farben, klare Formen und nüchterne Sachlichkeit wurden vergleichbar mit der zeitgenössischen Malerei (Picasso) miteinander kombiniert. Dieser als Art-déco bezeichnete Modestil (Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes 1925) erfasste alle Bereiche des Lebens. Filmateliers als Traumfabriken, Tanzlokale und Jazzclubs waren in dieser Epoche die bezeichnenden Wegbereiter. Auch die Mittelschicht zeigte reges Interesse an Partys und Bällen. Weitere Einflüsse kamen aus Japan und China (Haarschmuck, Halbedelsteine).
Die Künstler verwendeten neben Edelmetallen den Kunststoff Bakelit, Jett, Chrom, Jade, Ebenholz und Lackmetalle für die ausgefallenen Broschen und langen Ohrgehänge. Charakteristisch sind schlichte, lineare Formen, glatte Flächen und streng ausgerichtete, vor allem geometrische Formen. Die Motive waren vielfältig: Abstrahierte Früchte, Blätter und Blüten, Darstellungen von Sombreros, Dreiecke, Zickzackformen und Kombinationen von Barock oder Antike und Kubismus. Edel- und Glassteine zeigten mit dem Diamant-, Baguette-, Baton-, Trapez- und dem Quadratschliff mannigfaltige Formen. Einer der führenden Hersteller von Art-déco-Schmuck war die Firma Jakob Bengel, die ihre Objekte auf dem französischen Markt vertrieb (made in france).
Chanel schockt mit meterlangen Perlenketten: "Ich habe den Körper der Frau befreit", sagte Gabriella (Coco) Chanel, "diesen Körper, der so sehr schwitzte in seinen Paradekleidern, unter den Spitzen, den Korsetts, den Polstern... ." Die Frauen schnitten sich ihr Haar ab, schminkten sich, rauchten und zeigten ein jungenhaftes Äußeres, nachdem Chanel die Öffentlichkeit mit kurzen Haaren, Unmengen an falschen Juwelen und meterlangen Ketten aus Perlen schockierte. Sie vereinigte zahlreiche Stile, darunter englische Dienstbotenuniformen, maskuline Reitkleidung, lässige Pullover und Westen. Den Frauen sagte diese Mode sehr zu. Sie führten seit dem Krieg ein aktives Leben. Sie genossen eine neue Freiheit. Manche nahmen ihr Leben als Arbeitnehmerinnen selbst in die Hand, andere fuhren als Geschäftsführerinnen Automobile. Sie weigerten sich, Brust und Taille einzuengen.
Das kurze Haar und die freien Arme boten nun reichlich Platz für lange Ohrgehänge und glasbelegte oder elfenbeinartige Armreifen. Die imitierten Perlenketten hingen über einen Meter lang herab (sautoires) oder lagen eng an (collier de chien). Japanische Zuchtperlen unterstützten ab 1920 diesen Trend. Den modischen Bubikopf zierten Zelluloidkamm, Haarnadeln oder ein glockenartiger Hut, der wie das Kleid mit kleinen Art-déco-Broschen, -Anstecknadeln oder -Spangen reich geschmückt wurde. Als praktische Neuerung sickerten Doppelspangen in die Modewelt, die entweder ein Kleidungsstück zusammenhielten oder als Brosche und Nadel Verwendung fanden. Unter dem Mehrzweckschmuck waren auch Doppelclips der Renner. Halsketten ließen sich zu Armbändern, Clips und Fingerringe umwandeln. Sportmotive spielten wie bisher eine große Rolle. Clips mit Federverschluß schmückten Taschen und Jacken. Einige Jahre galt es als modern, alles in Schwarz-Weiß zu halten. Man kombinierte Diamanten und Bergkristalle mit Onyx und schwarzem Email. Günstige Handtäschchen und Döschen (vanities) rundeten das Bild ab.
Dior - Das Bekenntnis zum Modeschmuck: Besonders einfallsreiche Schmuckformen konnte man in Italien finden. Das 1928 von Elsa Schiaparelli gegründete Maison Schiaparelli bot eine Mischung aus Futurismus, Modernismus, Kubismus, Art-déco und zudem afrikanischer Kunst. Reiß- und Kleiderverschlüsse, Schließen, Knöpfe und Haken verwandelte sie mit Holz, Porzellan, Celluloid, Glas und Bernstein in witzige Objekte. Das Angebot beinhaltete Kaffeebohnen, Vorhängeschlösser, Noten und alle Nahrungsmittel, die man auf dem Gemüsemarkt findet. Ein runder Plastikkragen war mit Metallkäfern, weitere Schmuckstücke mit Musikboxen oder Seesternen (Schiaparelli-Schlumberger) bestückt und einige ähnelten Objets Trouvé.
Bei diesem Fantasieschmuck stand der dekorative und modische Aspekt im Vordergrund. Er erlebte seit dem Loslösen von dem Echtschmuck 1730 seinen Höhepunkt weit in die 30er Jahre hinein und stand im Vordergrund bei Modeillustrationen, Werbung und Fotos. "Modeschmuck ist vollkommen verschieden von echtem Schmuck und will auch nur als solcher getragen werden" (Christian Dior). Billige Massenproduktionen lehnten sich an diese Entwicklungen an (Firma Cardeilhac, Paris).
Ägyptische Symbolik & reduzierte Bauhaus-Formen: Es gab noch weitere Richtungen. Nach der Entdeckung des Grabes des Tutanchamun 1922 galten stilisierte Profile von Hieroglyphen, Skarabäen, Falken und Augen auf Broschen, Anhängern, Armreifen und Ohrringen als besonders chic. Den deutschen Schmuck bestimmten vor allem die Strömungen des Weimarer Bauhaus (1919) mit einer Reduzierung auf geometrische Formen wie Kugel, Kegel, Quadrat und Rhomben und der Zeichenakademie Hanau. Der Modernismus zeigte sich ab 1927 mit abstrakten Formen ohne jegliche Ausschmückung und Farben wesentlich strenger. Die stilisierten und flachen Objekte stammten genau betrachtet noch aus dem Art-déco.
Farbenprächtiger Schmuck während der Weltwirtschaftskrise: Während der Wirtschaftskrise in den 30er und 40er Jahren war in Amerika farbenreicher und opulenter Modeschmuck gefragt: Rubine, Smaragde und Saphire im Cocktail- oder Tutti-Frutti-Stil auf Clips und Armbändern. Es bestand dringender Bedarf an Helligkeit und Fröhlichkeit, spritzig und extravagant wie alkoholische Mixgetränke. Für die Farbenprächtigkeit sorgten Halbedelsteine auf buntschimmerndem Metall. Die Formen kreierten abgeworbene Topdesigner. Daneben präsentierte sich das Zeitalter der Maschine mit starker Betonung auf Bewegung. Broschen und Armbänder erinnerten an Kurbelwellen, Pleuelstangen und Kugellager. Die Objekte wurden flexibel miteinander verbunden. So schob man Armbänder durch Schließen und Ketten glitten durch Schlaufen.
WK2 - Der Tod der Phantasie in Europa: In Deutschland und nachfolgend in ganz Europa ließen die schlechten wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse bis zum Kriegsende keine Entfaltung zu. Die Schmuckherstellung verlagerte sich komplett nach Amerika, wo viele der größten Firmen entstanden (Trifari). Christian Dior erstellte seine erste Modeschmuck-Kollektion.
Trifari bildete Blumenmotive mit unsichtbaren Fassungen und erstellte mit Alfred Philippe einzigartige Kollektionen aus Clownfiguren, Gärtnern und Cinderellas. Es schlichen sich weiter die Astronomie und disneyähnliche Gestalten in das Design (Sternschnupppen und Cartoon-Tiere). Der Schmuck musste während des zweiten Weltkrieges größtenteils in Silber gefasst werden, da die Basismetalle für die Herstellung von Waffen benötigt wurden. Infolge der Materialknappheit mussten einfache Anstecker und Broschen aus Eisenblech Gußmetall, Horn, Knochen, Holzspäne und Metallresten gefertigt werden. Beim Echtschmuck dominierte verschiedenfarbiges Gold als Doppelclip und Halskette. Das Schmuckstück verlor in dieser Notzeit "...seinen künstlerischen und dekorativen Charakter und wird zum reinen Wertobjekt", (Georges Fouquet 1942).
Zusammengefasst stellen Jugenstil, Art-déco und die begleitenden Strömungen mit ihrem dargebotenen Reichtum an Ideen, Witz und Fantasie eine einzigartige Ära des Modeschmucks dar. Mit günstigen Materialien ließ sich passendes Zierat zu kurzlebigen Moden rasch umsetzen. Die Einflüsse und Tendenzen wurden dadurch sehr zahlreich, bis heute.
Autor©: Dipl.-Geg. Karl Frohnes, Göttingen 2005
|